US-Zölle bedrohen europäische Stahlindustrie
von Hubert Hunscheidt

Die Einführung eines pauschalen 25-%-Zolls auf alle Stahlimporte durch die US-Regierung verschärft die ohnehin schwierige Marktlage für die europäische Stahlindustrie und stellt eine ernsthafte Bedrohung für ihre Zukunft dar. Die Branche erwartet von der Europäischen Union eine entschlossene Reaktion mit einer wirksamen Überarbeitung der Schutzmaßnahmen für Stahlimporte, um die Auswirkungen der US-Zölle abzufedern und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu sichern, erklärt der europäische Stahlverband EUROFER.
„Präsident Trumps ‚America First‘-Politik droht, der europäischen Stahlindustrie den letzten Sargnagel zu versetzen. Verschwindet die europäische Stahlproduktion, sind auch Schlüsselindustrien wie die Automobilbranche, die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, die Energieinfrastruktur und der Transportsektor betroffen. Letztlich steht hier die europäische Souveränität auf dem Spiel“, so Dr. Henrik Adam, Präsident von EUROFER. „Bereits während der ersten Trump-Regierung hatten wir die massiven Auswirkungen von Section 232 erlebt. Die EU-Stahlexporte in die USA sanken um über eine Million Tonnen, während von jedem drei Tonnen Stahl, die aufgrund von Section 232 vom US-Markt verdrängt wurden, zwei in die EU gelangten.“
Heute ist die Marktlage für europäischen Stahl noch schwieriger als 2018. Die neuen Maßnahmen der Trump-Regierung sind weitreichender, weshalb die Auswirkungen der US-Zölle noch gravierender sein dürften, so Dr. Adam weiter.
Dramatische Auswirkungen auf europäische Stahlexporte
Erstens hat die US-Regierung sämtliche Produktausnahmen und Zollkontingente gestrichen, die die EU zuvor ausgehandelt hatte. Mit dem bereits erfolgten Rückgang der EU-Stahlexporte in die USA um eine Million Tonnen droht nun ein weiterer Verlust von mindestens einer Million Tonnen.
Zudem umfasst der pauschale Einfuhrzoll nun auch sogenannte „derivative“ Stahlprodukte, wodurch weitere eine Million Tonnen potenzieller Exporte aus der EU wegfallen.
Überflutung des EU-Marktes mit billigem Stahl
Zweitens hat die weltweite Überkapazität 2024 ein Rekordniveau erreicht und wird 2025 weiter steigen. Der europäische Markt ist bereits mit billigen Stahlimporten aus Asien, Nordafrika und dem Nahen Osten überschwemmt. Nun droht eine zusätzliche Belastung, da Stahl, der ursprünglich für die USA bestimmt war, in die EU umgelenkt wird. 18 Millionen Tonnen Stahl, die zuvor unter Präferenzregelungen in die USA exportiert wurden, stehen nun im Risiko, auf den europäischen Markt umgeleitet zu werden.
Allein im Jahr 2024 verlor die europäische Stahlproduktion neun Millionen Tonnen Kapazität und 18.000 Arbeitsplätze – ein Trend, der sich nun weiter verschärfen könnte. Zudem besteht die Gefahr, dass durch mögliche weitere US-Gegenmaßnahmen noch mehr Stahl in die EU umgeleitet wird.
„Während andere Länder – aktuell die USA – ihre nationale Stahlproduktion schützen, hat die EU den weltweit verwundbarsten Markt“, so Dr. Adam. „Unsere Produzenten haben bereits die höchsten Energiepreise und verfolgen die ehrgeizigsten Klimaziele, während sie gleichzeitig von günstigeren, CO₂-intensiveren Importen unterboten werden.“
EU muss entschlossen handeln
Angesichts der existenziellen Bedrohung für die europäische Stahlindustrie durch globale Überkapazitäten, ausländische Subventionen und Dumping, die nun durch die neuen US-Zölle weiter verschärft wird, hat die EU eine Überarbeitung ihrer Stahl-Schutzmaßnahmen bis zum 1. April zugesagt.
„Es ist entscheidend, dass die überarbeiteten Schutzmaßnahmen der EU wirksam und entschlossen sind, um die Umlenkung weiterer Stahlimporte in den EU-Markt sofort und nachhaltig einzudämmen. Die Zeit zum Handeln ist jetzt“, schließt Dr. Adam.
Quelle: EUROFER / Foto: marketSTEEL