Lockerung der CO2-Vorgaben: Impuls für die europäische Stahlindustrie?
von Hubert Hunscheidt

Die verschärften CO2-Emissionsvorgaben für die europäische Automobilbranche könnten in den kommenden Jahren gelockert werden, um den Unternehmen eine reibungslosere Anpassung an die Dekarbonisierungsziele zu ermöglichen. Die Europäische Kommission schlägt in ihrem "Industrieaktionsplan für den europäischen Automobilsektor" eine Verlängerung der Einhaltungsfrist für die CO2-Emissionsziele von einem auf drei Jahre vor. Dadurch würde den Autoherstellern mehr Zeit eingeräumt, um die Vorgaben zu erfüllen und hohe Strafzahlungen zu vermeiden.
Auch das Vereinigte Königreich plant eine „sehr erhebliche Änderung der Politik“ hinsichtlich der Verkaufsziele für Elektrofahrzeuge (EVs). Wirtschaftsminister Jonathan Reynolds kündigte dies während eines Treffens mit Nissan-Vertretern in Tokio an. Nissan betreibt in Sunderland eine Produktionsstätte mit einer jährlichen Kapazität von 600.000 Fahrzeugen und hat Kritik an den strikten EV-Vorgaben der britischen Regierung geäußert. Derzeit ist vorgesehen, dass 28 % aller Neuwagenverkäufe bis 2025 emissionsfrei sein müssen (gegenüber 22 % in den Jahren 2022-2024) und 80 % bis 2030. Der Verkauf neuer Verbrennungsfahrzeuge soll 2035 vollständig eingestellt werden. Nissan fordert angesichts drohender Strafen von bis zu 15.000 GBP pro Fahrzeug mehr Flexibilität, um die britische Autoindustrie wettbewerbsfähig zu halten.
Auswirkungen auf die Stahlindustrie
Die Stahlindustrie ist eng mit der Automobilbranche verflochten: Rund 17 % der europäischen Stahlproduktion fließt in den Fahrzeugbau. In den letzten Monaten verzögerten sich Vertragsverhandlungen zwischen Stahlproduzenten und Automobilzulieferern erheblich. Während diese Verträge normalerweise im Oktober oder November abgeschlossen werden, zogen sich die Verhandlungen in vielen Fällen bis Februar hin. Große Hersteller wie der Volkswagen-Konzern und Stellantis suchten nach Einsparmöglichkeiten und forderten Preisnachlässe von 100 bis 120 EUR pro Tonne für stahlbasierte Autoteile.
Der Automobilmarkt hat sich zudem nicht vollständig von den pandemiebedingten Einbrüchen erholt. Hohe Inflationsraten, steigende Zinsen und die vergleichsweise hohen Preise für Elektrofahrzeuge belasten die Nachfrage nach Neuwagen. In Deutschland beträgt der durchschnittliche Kaufpreis eines Fahrzeugs mittlerweile 56.735 EUR und liegt damit über dem durchschnittlichen Bruttojahreseinkommen von 51.900 EUR.
Trotz eines leichten Anstiegs der Neuzulassungen um 0,8 % auf 10,6 Millionen Einheiten in der EU im Jahr 2024 verzeichnete der EV-Markt einen Rückgang von 5,9 %, wodurch der Marktanteil auf 13,6 % sank. In Großbritannien stiegen die Neuzulassungen um 2,6 % auf 1,95 Millionen Fahrzeuge, wobei der EV-Anteil um 21,4 % auf 19,6 % wuchs.
Zunehmende Konkurrenz durch chinesische Hersteller
Obwohl die britische EV-Quote das Verkaufsvolumen erhöht, profitieren europäische Automobilhersteller nur bedingt davon. Immer mehr günstige chinesische Elektroautos drängen auf den Markt. Marken wie BYD, MG, Omoda und Ora steigerten ihre Neuzulassungen in Großbritannien um 14 % auf fast 100.000 Fahrzeuge im Jahr 2024. Trotz der im Oktober 2024 von der EU eingeführten Einfuhrzölle von 7,8-35,5 % auf chinesische EVs stieg der Marktanteil chinesischer Fahrzeuge in der EU um einen Prozentpunkt auf 4,9 %. Im Bereich der Elektrofahrzeuge liegt Chinas Marktanteil bereits über 20 %.
Der Analyst Felipe Munoz von Jato Dynamics betonte, dass es noch abzuwarten bleibe, welche Auswirkungen die EU-Zölle auf den Absatz chinesischer Autos haben werden. Dennoch wurden allein im Februar 2025 in der EU 37.000 chinesische Fahrzeuge neu zugelassen, ein Anstieg von 52 % gegenüber dem Vorjahr.
Laut dem jüngsten Wirtschafts- und Stahlmarktausblick von Eurofer (Februar 2025) wird der europäische Automobilsektor voraussichtlich eine moderate Erholung von 2,1 % im Jahr 2025 verzeichnen, bleibt jedoch weiterhin unter dem Produktionsniveau von 2019.
Zukunftsaussichten für die europäische Stahlindustrie
Die Europäische Kommission sieht den Automobilsektor als "Leitmarkt" für emissionsarmen Stahl. Der jüngst vorgestellte Clean Industrial Deal legt nahe, dass Unterstützungsmaßnahmen für Autohersteller und Verbraucher beschleunigt werden müssen, um eine nachhaltige Transformation der Branche zu gewährleisten.
Quelle: MEPS International Ltd. / Foto: Fotolia