Industrierezession hält an – 70.000 Stellen im Jahr 2024 abgebaut
von Hubert Hunscheidt

Der Abwärtstrend hält an: Der Umsatz deutscher Industrieunternehmen sank im vergangenen Jahr um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In absoluten Zahlen erwirtschaftete die deutsche Industrie 83,6 Milliarden Euro weniger als im Jahr 2023.
Besonders schwach entwickelte sich die Elektrotechnikbranche, deren Umsatz um 7,5 Prozent einbrach. Die Metallbranche verzeichnete einen Umsatzrückgang um 5,1 Prozent, die Autoindustrie um 5,0 Prozent.
Auch im Schlussquartal lagen die Umsätze unter dem Vorjahresniveau, allerdings nur noch um 2,5 Prozent – es handelte sich allerdings bereits um das sechste Quartal in Folge mit einer negativen Umsatzentwicklung.
Beschleunigt hat sich hingegen der Stellenabbau in der deutschen Industrie: Lag die Zahl der Beschäftigten zum Ende des ersten Halbjahres nur 0,4 Prozent niedriger als im Vorjahr, verstärkte sich das Minus zum Jahresende auf 1,2 Prozent. Binnen eines Jahres wurden damit in der deutschen Industrie etwa 70.000 Stellen abgebaut, seit dem Vor-Pandemie-Jahr 2019 schrumpfte die Zahl der Beschäftigten unterm Strich um 141.400.
Besonders stark gesunken ist die Zahl der Jobs in der Textil- und Bekleidungsindustrie – um gut vier Prozent – , sowie bei Produzenten von Gummi- und Kunststoffwaren und der Automobilindustrie (um jeweils 2,4 Prozent). In absoluten Zahlen verzeichneten die Elektroindustrie (minus 15.700 Stellen) und die Autoindustrie (minus 18.800 Stellen) den größten Jobabbau.
Das sind Ergebnisse des aktuellen EY-Industrie-Barometers. Die Studie analysiert die Umsatz- und Beschäftigungsentwicklung in der deutschen Industrie und wichtigen Industriebranchen. Basis der Analyse sind Rohdaten, die vom Statistischen Bundesamt zur Verfügung gestellt werden.
Jan Brorhilker, Managing Partner des Geschäftsbereichs Assurance von EY in Deutschland, rechnet mit einem weiteren Abbau von Industriearbeitsplätzen: „Die Beschäftigungsentwicklung reagiert mit Verzögerung auf die schwache Umsatzentwicklung, denn die Unternehmen versuchen, möglichst lang ohne einen Stellenabbau auszukommen. Aber inzwischen hat sich die Krise der deutschen Industrie in einem Maß verfestigt, dass klar wird: Ohne einen deutlichen Jobabbau geht es nicht. Die Kapazitäten müssen an das schwache Nachfrageniveau angepasst werden. Und diese Entwicklung hat gerade erst begonnen. Die Stellenstreichungen, die von den großen Industrieunternehmen in den vergangenen Monaten angekündigt wurden, werden in der Statistik erst im Lauf dieses Jahres sichtbar. Bis zum Jahresende dürften daher weitere 100.000 Industriearbeitsplätze verloren gehen.“
Auch die Verlagerung von Produktion werde sich auf die Beschäftigungslage auswirken, so Brorhilker: „Angesichts der massiven Probleme, mit denen sich Industrieunternehmen am Standort Deutschland konfrontiert sehen, werden gerade Neuinvestitionen zunehmend im Ausland getätigt. Hinzu kommt das steigende Risiko von Handelskriegen, worauf große Industrieunternehmen mit der Ansiedlung von Produktion im Ausland reagieren.“
Brorhilker rechnet nicht mit einer positiven Trendwende im laufenden Jahr: „Von einem Aufschwung ist weit und breit nichts zu sehen. Die geopolitischen Risiken sind weiter sehr hoch, die Konjunktur kommt nicht in Gang. Für die Industrieunternehmen heißt es jetzt: Kosten senken, Flexibilität erhöhen, Wettbewerbsfähigkeit steigern.“
Nach der Bundestagswahl muss es nach Brorhilkers Ansicht rasch einschneidende Maßnahmen zu Steigerung der Attraktivität des Standorts Deutschland geben: „Die neue Bundesregierung wird sich massiv ins Zeug legen müssen, um die Deindustrialisierung zu stoppen, die inzwischen in vollem Gang ist. Deutschland braucht auf vielen Ebenen Reformen, und die Zeit rennt uns davon.“
Vor allem die Inlandsnachfrage schwächelt
Gerade die Binnennachfrage müsse gestärkt werden, sagt Brorhilker: „Seit Jahren ist die Nachfrage aus dem Inland schwach – was uns immer geholfen hat, war der Export.“ Auch im vergangenen Jahr schrumpften die Ausfuhren der Industrieunternehmen „nur“ um 2,8 Prozent, während die Inlandsnachfrage um 4,8 Prozent zurückging. Noch am besten entwickelten sich die Geschäfte mit Abnehmern außerhalb der Eurozone, die um 2,6 Prozent sanken.
Die schwache Inlandsnachfrage nach Industriewaren hat vielfältige Ursachen, so Brorhilker: „Eine wesentliche Rolle spielt die anhaltende Investitionsschwäche in Deutschland, die auf die unzureichend ausgelasteten Produktionskapazitäten, deutlich gestiegene Finanzierungskosten und die politischen Unsicherheiten zurückzuführen ist. Der unklare wirtschaftspolitische Kurs in Deutschland trägt ebenfalls zur Verunsicherung bei. Die vielfältigen Schocks der vergangenen Jahre betreffen zudem nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Konsumenten, die sich in diesen unsicheren Zeiten merklich zurückhalten.“
Leitbranche Autoindustrie steht besonders unter Druck
Eine entscheidende Bedeutung komme aktuell der Automobilindustrie mit ihren 760.000 Beschäftigten zu, sagt Brorhilker. „Zuletzt hat sich der Umsatzrückgang der deutschen Autoindustrie noch beschleunigt – im vierten Quartal lag der Umsatz 6,5 Prozent unter dem Vorjahresniveau, im Gesamtjahr 2024 brach der Umsatz um 28 Milliarden Euro ein. Solche Umsatzrückgänge kann die Branche auf Dauer nicht aushalten. Wir sehen zwar bei fast allen Branchenunternehmen erhebliche Umbaumaßnahmen, um wettbewerbsfähiger zu werden. Ob dieser Transformationsprozess aber gelingt, ist noch nicht ausgemacht. Denn angesichts der schwächelnden Weltkonjunktur, drohender neuer Handeslkriege und der schwachen Nachfrage auf dem chinesischen Absatzmarkt sind die Probleme der Branche in den vergangenen Monaten eher größer als kleiner geworden. Für die deutsche Industrie insgesamt ist das eine ganz schlechte Nachricht, da die Autobranche eng verbunden ist mit vielen anderen Industriezweigen. Umgekehrt gilt aber auch: Schaffen es die Hersteller zurück auf den Wachstumspfad, kann dies auch positive Impulse für die gesamte deutsche Industrie bringen.“
Quelle: EY GmbH & Co. KG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft / Foto: marketSTEEL